Wer zeichnet sieht mehr!
Von einem der auszog das Sehen zu lehren
von Prof. Jörg Osterspey

(erschienen im Magazin »Forum« der Fachhochschule Mainz, Ausgabe 2/2007)

Sehen lernen durch Zeichnen
Das Zeichnen, das Bezeichnen, das Setzen von Zeichen, darauf verweist die lateinische Sprachform des Zeichens (signum), die in der Berufsbezeichnung des Designers und in allen damit verbundenen sprachlichen Derivaten steckt, ist die Basis der Tätigkeit des Designers. Um Dinge bezeichnen zu können, muss man sie wahrnehmen, man muss sie sehen lernen. Das Zeichnen ist dazu die denkbar beste Schule des Sehens. Dies gilt sowohl für das Zeichnen gegenständlicher, als auch für die Darstellung ungegenständlicher Welten. Die Fotografie, die ebenfalls eine Schule des Sehens ist, generiert auf der Basis technischer Apparaturen ihre Bilder in Sekunden und Sekundenbruchteilen und kann in der Regel nicht ohne eine abbildbare reale Welt auskommen. Das Zeichnen ist dagegen eine Technik und ein Medium der Langsamkeit, des insistierenden Sehens, das sowohl auf Außen-, als auch auf Innenwelten gerichtet sein kann. Beim Prozess des Fotografierens erscheint das Bild im Sucher, auf der Mattscheibe, auf dem Display schon zweidimensional und das im Motiv latent vorhandene Bild wird herausgelöst aus der dreidimensionalen Realität. Beim Zeichnen transformiert der Zeichner das Motiv aus der Dreidimensionalität durch sein individuelles Auge und seine Motorik auf seinen Zeichenstoff - das kostet Zeit, Zeit die in intensiver Betrachtung vor dem Motiv verbracht wird und vor allem Übungszeit um das Auge und die Motorik der Hand zu synchronisieren. Das Erfassen der Form mit dem Auge, das Fassen der Form mit der Hand, darum geht es beim Zeichnen.
Hokusai, der berühmte japanische Holzschneider, beschied seinen Fürsten, der einen gezeichneten Hahn bei ihm bestellte, nach einem Jahr wiederzukommen. Als der Fürst nach Ablauf der Frist bei dem Künstler wieder erschien, nahm dieser ein Blatt Papier und zeichnete, in einem Schwung, den Hahn. Als der erboste Fürst sich wegen der langen Wartezeit beschwerte, öffnete Hokusai alle Schränke, die von Zeichnungen von Hähnen überquollen - Hokusai hatte ein Jahr und tausende von Zeichnungen gebraucht um die Form des Hahns zu begreifen und seine Motorik auf die Darstellung der Form einzustellen.
Auch wenn die Inhalte, die Darstellungstechniken, die Materialen und Prozesse sich ändern, bleibt doch das Begreifen der Form und ihre Darstellung, unabhängig ob diese konkreter oder abstrakter Natur ist, die Quintessenz aller visuellen Gestaltung. Bis zu einem gewissen Grade ist das visuelle Gestalten erlernbar, durch genaues Hinsehen, durch üben und durch eine kompetente Anleitung und Kritik, die einen engagierten Lehrer erfordert.

Eine Nachkriegsbiografie
Mit dem Ende des Wintersemesters 2006/2007 hat einer der profiliertesten Zeichen- und Illustrationslehrer in Deutschland, Prof. Albrecht Rissler seine Tätigkeit an der Fachhochschule Mainz beendet. Von 1988-2007 hat er das Fachgebiet Illustration zu einem in der Fachwelt renommierten Schwerpunkt an der Mainzer Hochschule geformt. Sein Werdegang, signifikant für viele Biografien im frühen Nachkriegsdeutschland, war zielstrebig, jedoch nicht ohne Brüche. Aufgewachsen im Bildhaueratelier seines Vaters stand am erzwungenen Anfang seines Bildungsweges eine handwerkliche Lehre als Dekorateur und Plakatmaler. Die Tätigkeit in diesem »Brotberuf« füllte Albrecht Rissler künstlerisch nicht aus, weshalb er sich parallel zur Berufstätigkeit intensiv mit Zeichnen, Malerei und Plastik beschäftigte. In diese Zeit fallen die ersten Einzelausstellungen seiner künstlerischen Arbeiten. In der Mitte der 60er Jahre qualifizierte sich Albrecht Rissler auf dem zweiten Bildungsweg für ein Lehramtsstudium und arbeitete nach dem Studium bis 1981 als Fachlehrer für musisch-technische Fächer, zuletzt in Heidelberg.
Im Jahr 1981 vollzog er einen radikalen Bruch, indem er die sichere Beamtenlaufbahn an den Nagel hängte, um sich als Illustrator selbstständig zu machen. Seine von wissenschaftlicher Neugier geprägte Beobachtungsgabe und die Fähigkeit zur detailgenauen zeichnerischen Umsetzung (dort wo es zwingend notwendig war) machten ihn bald zu einem herausragenden Mitarbeiter des Umweltmagazins »natur« und zum Partner des Herausgebers Horst Stern, der neben der künstlerischen Qualität der Arbeiten vor allem die Fähigkeit Risslers schätzte, Natur- und Umweltprozesse nach fachwissenschaftlichen Kriterien zu durchdenken und dann allgemeinverständlich darzustellen. In der Zusammenarbeit mit Horst Stern entstanden doppelseitige Illustrationen der unterschiedlichsten natürlichen Biotope, die auch sehr deutlich machen, wo die Illustration der Fotografie überlegen ist: in der Darstellung des nicht Gleichzeitigen, in der Raumverdichtung und der beliebigen Zusammenstellung der dargestellten Objekte, oder Subjekte.

Zeichnen und Illustration vernetzt
Mit der Berufung von Albrecht Rissler zum Professor für Zeichnen und Illustration an der Fachhochschule Mainz im Jahr 1988 bekamen die beiden Fächer eine enorme Dynamik und wurden zum ersten Mal im Sinne eines Studienschwerpunkts vernetzt. Es ist vielleicht interessant zu wissen, dass zu dieser Zeit gerade der Ausbau des Zeichnens von studentischer Seite massiv gefordert wurde, um mehr mit den allgemeinen gestalterische Grundlagen konfrontiert zu werden. In der Folge waren die Angebote von Prof. Rissler immer voll belegt und sind es bis zu seinem Ausscheiden geblieben. Sein Einstieg erfolgte wie ein Paukenschlag schon in den ersten Wochen, als er an einer Zeichen- und Foto-Exkursion des Fachbereiches nach Lanzarote teilnahm, von deren zeichnerischem Teil die Studierenden noch später hymnisch zu erzählen wussten. Worauf beruhte dieser Erfolg? Zuerst einmal auf Risslers Bereitschaft, sich auf jeden Teilnehmer individuell einzulassen und vor allem auf einem Repertoire unterschiedlicher Zeichentechniken, die der Lehrende beherrschte und weitergab. Es musste nicht alles verbalisiert werden, der neue Professor konnte alles zeichnerisch darstellen.
Diese kluge Mischung aus Intellekt und Handwerk, aus Reden und Zeigen, zeichnete in der Folge alle Seminare von Prof. Rissler aus. In den Basisangeboten, gewissermaßen der Pflicht, wurde das Zeichnen zur Sehschule, die gegen das Ungefähre, Nachempfundene, nicht Erarbeitete ankämpfte. Zugleich wurde den Studierenden eine breite Palette von Realisationstechniken an die Hand gegeben. Vielen Studierenden wurde in diesen Kursen erst klar, dass sie zeichnerisch begabt sind, andere, denen das Gegenteil bewusst wurde, konnten ihre Beschäftigung mit Form und Proportion, mit Darstellungstechniken und Materialien als wichtige Erfahrung in andere Kurse mitnehmen.

Illustration im Aufwind
Prof. Rissler begann seine Tätigkeit zu einem Zeitpunkt, als die Illustration in Deutschland (nicht in England und Amerika) in Agonie zu versinken schien. Die Illustration in der Belletristik lag danieder. In den Zeitschriften dominierte die Fotografie, selbst in Wissenschaftspublikationen wurde aus Kostengründen auf Illustration verzichtet und Plakate mutierten zu armseligen Fotobildchen mit Sponsoren-Logos - zum Abklatsch der Medienwelt. Der Siegeszug des Computers tat ein Übriges, indem er zum geistlosen Übereinanderstapeln vorgefertigter, synthetisch glatter Elemente einlud. Vorbei war die Zeit, als ein Heinz Edelmann mit seinen Zeichnungen, auf gleicher Augenhöhe mit den Fotografen, die Zeitschrift »twen« prägte.
Kräftige Wachstumsraten hatten in dieser Zeit nur Comics und Kinderbücher als zwei besondere Formen des Erzählens von Geschichten. Im Bereich der Konzeption und Illustration von Kinderbüchern haben Prof. Rissler und seine Studenten das Feld gefunden, auf dem sich etwas bewegen ließe. Von Prof. Rissler initiierte internationale Kooperationen und Workshops, eine enge Zusammenarbeit mit der Verlagswelt, Exkursionen und das intensive Arbeitsklima haben bei vielen Studierenden die Basis für ihre späteren Karrieren als Illustratoren gelegt. Man kann inzwischen durchaus von einer »Mainzer Schule« sprechen, die sich längst nicht mehr auf das Kinde
rbuch allein erstreckt. Die Illustration hat auch durch das Engagement aus Mainz neuen Auftrieb bekommen. Inzwischen sind wieder Belletristik-Verlage und überregionale Zeitungen dazu übergegangen Illustrationen einzusetzen, und die Mainzer sind überall dabei.

Und der Professor?
Wir alle, die wir in der Lehre tätig sind und unsere drei Seminare wöchentlich halten, kennen das Gefühl der Erschöpfung, das aus der Auseinandersetzung mit fremden Arbeiten resultiert, aus der Notwendigkeit, andere zu motivieren, aus dem Weggeben von Ideen. Wenn man seine Tätigkeit an der Hochschule ernst meint, bleibt wenig Kraft und Zeit für die eigene künstlerische Arbeit. Der Zeichner Albrecht Rissler hat dieses Problem mit seinen Reisetagebüchern und Skizzenbüchern gelöst. Über viele Jahre, auf Reisen und Exkursionen entstand ein lebendiges Kompendium, kleine zeichnerische Kabinettstückchen von Landschaften, Tieren und Menschen der unterschiedlichsten Weltgegenden. In seinem Buch Zeichnen, unterwegs mit Stift und Skizzenbuch schreibt Albrecht Rissler »Mit dem Skizzenbuch unterwegs zu sein, bedeutet Unrast vermeiden, Zeit haben, den Blick auf etwas ruhen lassen zu können, Nähe suchen, sich einer Atmosphäre zuwenden, eintauchen - zeichnend stempeln sich Details ins Gedächtnis, die sonst unbeobachtet blieben«.
Diese Bücher, in denen reale Fundstücke sich mit Texten, Aquarellen und Federzeichnungen verbinden, sind eigenständige Gesamtkunstwerke, die weit über die private Erinnerung hinausreichen, sie sind ein Zeugnis dafür, dass Zeichner mehr sehen als andere Zeitgenossen. Mit der Einrichtung seines neuen geräumigen Ateliers in Dossenheim wurden die Formate seiner Arbeiten immer größer, einer Tendenz folgend, die sich schon in der Mitte der neunziger Jahre mit den formatsprengender Zeichnungen alter Weiden in Salm angedeutet hat. Großformatige Monotypien kamen hinzu und die Palette wurde durch Acrylmalerei abgerundet. Monotypien und Malerei bewegen sich immer stärker auf eine, aus der Natur abgeleitete abstrahierte Bildwelt zu. Strukturen, Texturen und Farbe fügen sich zum autonomen, von vordergründiger Gegenständlichkeit losgelösten, Kunstwerk. Auch bei den Illustrationen zu Rainer Maria Rilkes »Geschichten vom lieben Gott«, die im Herbst 2007 beim Insel-Verlag erscheinen, lässt sich der Zugewinn an gestalterischer Freiheit und Virtuosität wunderschön ablesen. Es ist noch nachzutragen, dass Albrecht Rissler in den letzten Jahren die Fotografie für sich entdeckt hat und dabei überraschende Bilder herauskommen. Das aufmerksame Sehen ist alles, sei es beim Zeichnen oder Fotografieren. Wer mehr sehen will, der sehe nach auf:www.risslerart.de.